Bologna

Die Bologna-Reform ist in den letzten Wochen verstärkt in das Licht der Medien gerückt, da seit dem Start der europäischen Studienreform in Deutschland nunmehr 10 Jahre vergangen sind. Da kommt starke Kritik am System auf. Dazu möchte ich in den nächsten Tagen Stellung nehmen.

Um aber Stellung nehmen zu können und auch um zu verstehen, was Bologna überhaupt bedeutet, warum es sich hier nicht um Spaghetti-Soße handelt und was eigentlich die Reform bedeutet und wie die Geschichte bisher verlaufen ist, möchte ich hier in Kurzform über die Bologna-Reform nicht ganz wertungsfrei informieren:

Bologna! Nicht Bolognese – Worum gehts also?

Alle meine Erkenntnisse über die Bologna-Reform beziehen sich auf Informationen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Alle Unterlagen bzgl. aller stattgefundener Treffen der EU-Bildungsminister sowie deren ausgearbeiteten Communiques finden Sie hier.

Es kam in den späten 1980er Jahren die Idee in der EU auf, es wäre schön, wenn Bildung europaweit, grenzüberschreitend und ohne große bürokratische Hürden in jeder beliebigen Form (Studieren, Schule, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung) möglich wäre. Nach dem die Idee geboren war, bei welcher das amerikanische Hochschulsystem mit den scheinbar landesgrenzenüberscheitenden Möglichkeiten der Studienwahl und -wechselei die Grundlage darstellte,  vereinbarten die EU-Mitglieder sich mal alle 2 Jahre zu treffen und eine Agenda auszuarbeiten. Nunja, mit den USA als Vorbild, dem Land der unbeschränkten Möglichkeiten, liegt es ja nahe, dass man aus dem Hochschulbildungssystem, ein globales, europäisches Gesamtbildungssystem schaffen könne, welches eben nicht nur die Hochschulausbildung beinhalten würde. Klar – größer, besser, weiter als die USA – auf zur Bildungsspitze, auf zur ELITE!

Nach nunmehr 24 Jahren später und 10 Jahren nach Start der Studienreform in Deutschland gibt es in dem Großteil von Deutschland fast ausschließlich Studiengänge mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Die Regelstudienzeiten liegen zwischen 6-8 Semestern für den Bachelor und zwischen 3-4 Semester für den Master. Das Staatsexamen wird bald auch von Bachelorstudiengänge abgelöst, im Lehramtbereich findet die Umstellung gerade statt, im Bereich der Medizin weiß man bis heute nicht, wie das umgesetzt werden soll. Nebenbei hat, soweit ich weiß, ein ostdeutsches Bundesland (welches ist mir entfallen, wenn jemand mehr weiß, bitte ich um Kommentare!) das Diplom als Hochschulabchluss behalten und verstößt damit dennoch nicht gegen die Bologna-Reform.

Wie ging es nach 1988 weiter?

Mit dem ganzen Ehrgeiz, den die Minister sich selbst erarbeitet haben, erzählten sie zu Hause in ihren jeweiligen Parlamenten von der Idee. Natürlich waren alle Staaten umgehend hellauf begeistert. Warum? Die Bildungsprobleme im eigenen Land würden zur EU-Sache, man kehre den eigenen Dreck einfach dorthin, wo man selbst sehr wenig damit zu tun haben würde. Eine europäische Bildungsreform – das Verspricht wenig Arbeit, finanziert wird sie durch die EU, und bis zum Ende der Legislatur kann die Reform zwar nicht umgesetzt werden, aber sie hilft im nächsten Wahlkampf.

Nun merkte man aber zu Beginn der 90er Jahre schnell, dass eine komplette, alle Bildungssparten umfassende Reform für alle EU-Länder zunächst doch sehr aufwendig sei. Also entschied man sich dazu, sich zunächst auf die Hochschulbildung zu konzentrieren.

Zunächst möchte ich aber mal einen recht wichtigen Hinweis loswerden:

Alle Beschlüsse, Communiques oder Konventionen im Bereich der Bildungspolitik der EU oder deren Ausschüssen sind, selbst nach Verabschiedung im EU-Parlament für die Mitgliedsstaaten NICHT rechtsverbindlich, das heißt, dass die Beschlüsse nicht umgesetzt werden müssen. Das liegt daran, dass Bildung nur im Ermessen der einzelnen Staaten reformiert werden können. In Deutschland sind selbst Bundesgesetze bzgl. Bildung für die Bundesländer nicht rechtsverbindlich – denn Bildung ist Ländersache, so unsere Verfassung.

Die Lissabon-Konvention

1997 trafen  sich die einzelnen Bildungsminister dann in Lissabon und kamen zu dem Schluss, es wäre sinnvoll, dass zunächst erstmal die Qualifikationen im Hochschulbereich anerkannt werden sollten. Man setzte ein ca. 7-seitiges Dokument auf, was heute als Lissabon-Konvention bekannt ist.

Die Inhalte sind ehrenwert, jedoch wirken sie sehr nach einer Schönrednerei. Achtung: Es besteht 1997 noch keine Rechtsverbindlichkeit für die Mitgliedsstaaten der EU. Zu diesem Zeitpunkt also alles ein ‚Wäre schön, wenn es denn so umgesetzt werden würde‘. Für mich ein bischen zu viel Konjunktiv.

Da passte es dann ein Jahr später, 10 Jahre nach der Entstehung der Idee, gut in den Kram, dass die Universität von Paris 1998 ihr 800 jähriges Bestehen feierte. So traffen sich erstmalig am 25. Mai 1998 die Bildungsminister aus Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich in Paris und erarbeiteten die Sorbonne-Erklärung.

Für mehr Infos zur Lissabon-Konvention klicken Sie hier.

Die Sorbonne-Erklärung

Um das enorme Potenzial an den europäischen Hochschulen besser zu nutzen, müssen Studierende und wissenschaftliches Personal innerhalb Europas mobil und die jeweiligen Abschlüsse vergleichbar und gegenseitig anerkannt sein. Daher haben die Bildungsminister aus Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich am 25. Mai 1998 anlässlich der 800 Jahr-Feier der Universität von Paris in der sog. Sorbonne-Erklärung ihren Willen bekundet, strukturelle Kompatibilität zwischen den europäischen Hochschulen herzustellen, bestehende Mobilitätshemmnisse abzubauen und die Grundlagen für eine verbesserte europäische Zusammenarbeit der Hochschulen zu schaffen. Der europäische Hochschulraum soll als solcher zudem sichtbar, wettbewerbsfähig und auch attraktiv für Studierende aus Drittstaaten werden.

Zitat: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Hier möchte ich darauf hinweisen, dass die Minister ihren Willen bekunden – wieder einmal ‚Es wäre schön, wenn es so umgesetzt werden würde‘.

Für mehr Infos zur Sorbonne-Erklärung klicken Sie hier.

Die Bologna-Erklärung

Die Initiative der Unterzeichnerstaaten der Sorbonne-Deklaration wurde von anderen europäischen Staaten positiv aufgenommen. Bereits am 19. Juni 1999 unterzeichneten 30 europäische Staaten die sog. Bologna-Erklärung und bekannten sich zu dem Ziel, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Für Deutschland haben Bund und Länder gemeinsam unterzeichnet und sich damit klar zu dem Ziel bekannt, die Reform des deutschen Hochschulwesens im europäischen Kontext voranzutreiben.

Zitat: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Was erklären die Unterzeichnerstaaten nun? Sie bekennen sich zu dem Ziel, die Reform voranzutreiben. Sie wollen noch nichts konkretes tun, aber es wäre toll, wenn die Reform weitergeführt wird.

Das hier ist die eigentliche Bologna-Reform! Das Ziel eine Reform voranzutreiben. Darauf baut das ’neue‘ Hochschulbildungssystem auf. Tolle Grundlage!

Gut man muss dazu sagen, dass erstmals konkrete Vorstellungen für Rahmenbedinungen geschaffen wurden, wie etwa Diploma Supplement, Zweizyklischem Studienverlauf (undergraduatet und garduatet; heute: Bachelor und Master), Leistungspunktesystem (heute:ECTS, oder umgangssprachlich: Credit-Point) und Anerkennung und Anrechnung von Auslandsaufenthalten von Lehrern, Wissenschaftlern und Verwaltungspersonal (nicht für Studierende!).

Für mehr Infos zur Sorbonne-Erklärung klicken Sie hier.

Die Folgekonferenzen in Prag (2001), Berlin (2003), Bergen (2005) und London (2007)

Zur Überprüfung, ob die vereinbarten Ziele in den verschiedenen Teilnehmerstaaten auch erreicht werden, wurde bereits in der Bologna-Erklärung beschlossen, alle zwei Jahre die erzielten Fortschritte auf gesonderten Konferenzen zu bilanzieren. Die erste Nachfolgekonferenz zu Bologna fand mit bereits 33 europäischen Unterzeichnerstaaten am 19. Mai 2001 in Prag statt. Auf der zweiten Folgekonferenz, die am 18. und 19. September 2003 in Berlin durchgeführt wurde, wurden sieben weitere europäische Staaten aufgenommen. Die dritte Folgekonferenz fand am 19./20. Mai 2005 in Bergen (Norwegen) statt, die vierte vom 17. bis 18. Mai 2007 in London. Zentrale Ziele und Vereinbarungen zwischen den Beteiligten werden jeweils in den Kommuniqués der Ministertreffen festgehalten.

Zitat: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Mehr Infos zu den Folgekonferenzen in Prag und Berlin hier klicken.

Die Konferenzen in Leuven/Louvain-la-Neuve (2009), Budapest/Wien (2010) und in Bukarest 2012

Am 28./29. April 2009 haben die Benelux-Länder (Belgien, Niederlande, Luxemburg) in den belgischen Städten Leuven und Louvain-la-Neuve die fünfte Folgekonferenz ausgerichtet. Die Ministerinnen und Minister aus den 46 Bologna-Staaten beschlossen im Leuvener Kommuniqué, die gute Zusammenarbeit miteinander und mit den beteiligten Institutionen auch in der nächsten Dekade fortzusetzen. Die weitere gemeinsame Arbeit an der vollständigen Umsetzung der Reformen ist erforderlich, um die Attraktivität der europäischen Hochschulen zu steigern, die Mobilität der Studierenden auszuweiten und das Lebenslange Lernen fortzuentwickeln. Die Erhöhung der Mobilität von Studierenden und akademischem Personal bleibt eines der Kernziele des Bologna-Prozesses. In Leuven wurde vereinbart, dass europaweit bis 2020 20% aller Graduierten einen Studien- oder Praktikumsaufenthalt im Ausland absolviert haben sollen. Erstmalig nahmen in Leuven im Anschluss an die Ministerkonferenz auch Vertreter aus 15 außereuropäischen Ländern an einem Bologna-Forum teil, in dem Möglichkeiten einer verstärkten Kooperation ausgelotet wurden.

Am 11. und 12. März 2010 veranstalteten Österreich und Ungarn in den jeweiligen Hauptstädten eine Bologna-Jubiläumskonferenz, auf der die Minister aus den nunmehr 47 Bologna-Staaten – Kasachstan wurde als neues Mitglied aufgenommen –  den Europäischen Hochschulraum eröffneten. In der Budapest-Wien-Erklärung zogen sie Bilanz über die Erfolge des europaweiten Hochschulreformprozesses seit 1999 und bekannten sich auch dazu, dass noch weitere Arbeit erforderlich ist, um die Ziele zu verwirklichen.

Am 26. und 27. April 2012 fand in Bukarest die siebte Bologna-Folgekonferenz statt. Die Ministerinnen und Minister bekannten sich im Bukarest-Kommuniqué (Hier alternativ zur deutschen Version!) zur Investition in Bildung. Trotz finanzieller Schwierigkeiten in vielen europäischen Staaten sei gerade die Investition in Bildung die Antwort auf die Finanzkrise sowie auf gesellschaftliche Herausforderungen. Ein Schwerpunkt der Arbeit in den nächsten Jahren wird die Stärkung der internationalen Mobilität der Studierenden sein. Die Ministerinnen und Minister verabschiedeten deshalb die Mobilitätsstrategie 2020 ( Hier alternativ zur deutschen Version! ). Sie knüpften damit an die Mobilitäts-Beschlüsse aus Leuven/Louvain-la-Neuve an und unterlegen sie mit konkreten Maßnahmen. Sie sprachen sich nachdrücklich für eine weitere Umsetzung der Bologna-Reformen aus und betonten zudem die Bedeutung der sogenannten „employability“. Gleichzeitig qualifizierten sie Hochschulbildung als einen offenen Prozess, der die Studierenden neben dem Erwerb von fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten zu selbstbewussten und kritischen Menschen heranbilden solle.

Über erzielte Fortschritte werden die Ministerinnen und Minister bei der nächsten Bologna-Konferenz 2015 in Armenien Bilanz ziehen.

Zitat: Bundesministerium für Bildung und Forschung

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