„Im Internet Lernstoff pauken“

Ich bin heute beim Zeitunglesen über einen Online-Artikel der Aachener Zeitung (im Folgenden AZ) gestolpert, der mir mal wieder zeigte, wie blauäugig doch die Medienwelt und vor allem die Presse den Lesern Möglichkeiten der Recherche von Online-Informationen und Online-Wissens-Angeboten vorstellt, ohne jedoch einmal auch negative Seiten aufzuzeigen.

Dabei bezieht sich die Aachener Zeitung in ihrem Artikel vom 30.11.2012 auf einen Artikel der Computerzeitschrift „ct“ aus dem Heft 25/2012 mit dem Namen „Internet macht schlau“. Die AZ druckte einen Artikel des dapd (Deutscher Auslandsdepeschendienst) ab, welcher im feinsten Konjunktiv geschrieben ist.

Ist der Artikel des dapd also damit nur eine reine Zusammenfassung des „ct“-Artikels?

Ja, ist er. Das sieht man aber nur, wenn man sich den Artikel der „ct“ einmal ansieht. Dazu aber später.

Die AZ geht aber noch weiter: Sie stellt den Artikel im Bereich Ratgeber > Bildung und Beruf ein.

Das weckte mein Interesse, ich las den Artikel, suchte mir auch mal den Originaltext der „ct“.

Ich muss sagen, ich war doch überrascht, wie blauäugig, der AZ-Artikel verfasst war, der „ct“-Text war jedoch auch nicht annähernd besser, nur ausführlicher.

Die Artikel behandeln das Online-Angebot von „Online-Universitäten, Sprachschulen oder Wissenssammlungen„, mit welchen es möglich sein soll, „unabhängig von Zeit, Ort und Vorkenntnissen eingestaubtes Wissen auffrischen, ausbauen oder sich neue Inhalte“ anzueignen.

Ah ja!

Es ist die Rede von miteinander verlinkten  Inhalten, Podcasts, Videos, interaktiven Quiz und Communities zum gemeinsamen Lösen von Aufgaben. Dabei wird schnell ein Trend festgestellt, den ich auch nicht widerlegen möchte. Der Trend des „Mikrolernens„, so die AZ.

Mikrolernen?

Ja, genau das ist meiner Meinung nach das Problem beim Lernen im Internet. Mikrolernen! –  Was genau versteht man darunter? Ich verstehe darunter, die Aneignung von Wissen in kleinen Häppchen, so wie der User es gerade haben möchte.

Eben schnell mal bei Wikipedia den Begriff „Eurymachos“ eingegeben, weil man ihn mal im Geschichtsunterricht gehört hat, aber sich nicht traute zu fragen. Die Online-Enzyklopädie, wie Wikipedia sich selbst nennt, spuckt auch gleich einen Treffer aus: „Eurymachos […] ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Laut der Darstellung in den Posthomerica des kaiserzeitlichen Dichters Quintus von Smyrna[…]“ stopp! Jetzt wird es zu kompliziert! Nicht weiterlesen, es tauchen Begriffe auf, die weitere Nachforschungen mit sich ziehen, wenn man nicht gerade Geschichte studiert hat. Das ist zu viel. Die eigentliche Information ist schon gefunden. Es ist eine Gestalt, also irgendein Wesen, und es hat mit der griechischen Mythologie zu tun! – Reicht!

Jetzt mal meine Frage: Im Ernst? Reicht das?

Ja, um einen Text, welchen man gerade im Geschichtsunterricht behandelt, besser verstehen zu können, bzw. den Sachverhalt und die Zusammenhänge besser zu verstehen. Bleibt davon was hängen? Weiß man sowas noch in einem halben Jahr? – Nein! Wahrscheinlich nicht. Für den zu bearbeitenden Text wäre es evtl. noch sinnvoll gewesen, weiterzulesen, denn dann hätte man auch gewusst, dass es sich um einen Griechen handelt, der am Trojanischen Krieg beteiligt war und sich unter anderen im Trojanischen Pferd versteckte.

Gut, die Information, um einen Text zu verstehen, war schnell gefunden, was ich persönlich auch sehr begrüße, dafür halte ich Wikipedia und ähnliche Angebote auch für sehr sinnvoll.

Wikipedia und Co. als fundierte Wissenseiten?

Der „ct“-Artikel liest sich jedoch so als wären „Wikipedia“ und „Instructables“ doch recht fundierte Wissensseiten.

Jetzt muss ich mal kurz an Ihre Intelligenz appellieren. Ist das so? Ist Wikipedia wirklich wissenschaftlich fundiert? Man findet zwar unterhalb der Artikel eine Menge Quellen und Literaturhinweise, aber haben Sie einmal nach gesehen, ob der Inhalt des Artikels wirklich aus der Dissertation von Herrn. Dr. von und zu Sowieso stammt? Woher wissen Sie, ich, wir alle, ob das was in dem Artikel steht, wirklich so mal wissenschaftlich belegt wurde? Sie kennen sicherlich den Unterschied zwischen ‚muss‘ und ‚kann‘ oder ‚Die Analyse hat ergeben, dass…‘ und ‚Die Analyse scheint eine Tendenz vorzugeben, dass…‘, oder? Leicht lassen sich Texte verfälschen oder Sinn entfremden.

Youtube als Wundermittel

„ct“ treibt es weiter und erläutert wie sinnvoll Youtube-Videos doch seien, man könne so viel Wissen und Informationen vermitteln.

Dem möchte ich nicht widersprechen. Es gibt eine Menge Video-Blogs, in denen 17-jährige Mädels einen Beauty-and-Fashion-Blog betreiben. Gut, vielleicht verblöden dabei andere Teenies und ggf. auch der ein oder andere Erwachsene. Das bleibt nun mal nicht aus bei ca. 30.000 Klicks innerhalb von 4 Tagen.

Die vermittelten Informationen führen aber allerhöchstens dazu, dass die Zuschauer bald mit Karo-Jeans, quergestreiftem Hemd, übergroßer Sonnenbrille und ‚Hot-Button‘-Cap (ich hab jedes Mal das Bedürfnis drauf hauen zu müssen) und Jesus-Latschen rumlaufen und ich Augenkrebs bekomme. Gut, sollen sie. Wir sind ja tolerant und ich schüttel den Kopf.

Auch wie man einen Kuchen backt, kann man bei Youtube lernen. Auch nicht schlimm! Im schlimmsten Fall wird es kein Kuchen sondern ein Stein oder der Kuchen schmeckt nicht.

Viel schlimmer sind die von „ct“ gepriesenen Lehr-Videos in der Kategorie Bildung. Genau genannt hat „ct“ nicht, um welche Art von Videos es sich handeln soll. Aber ich gehe davon aus, dass eben jene Videos gemeint sind, in denen ein User namens ‚MatheCrack‘ oder ‚Mechanikprof03415‘ (Namen sind frei erfunden!) der Welt erklärt, wie jetzt das achte Integral von Wurzel X gelöst wird. Vielleicht hat dieser User auch noch 2000 weitere Videos im Netz, häufig werden solche User sogar gesponsort, verdienen damit also Geld.

Wer sagt uns denn jetzt, dass das, was der Typ da erzählt, auch wirklich richtig ist?  Häufig werden doch solche Videos schon eingeleitet mit: „Hallo, ich habe heute folgende Aufgabe für euch. Da ich die in der Schulzeit bei den ganzen Erklärungen meiner Mathelehrerin nie verstanden habe, habe ich mir das jetzt mal so hergeleitet, dass ihr das auch versteht„.

Achso, klar. Da hat jemand selbst keine Ahnung, gibt das zu und erklärt mir nun, er sei so schlau, dass er sich das achte Integral von Wurzel X mal eben selbst herleitet, weil er einen IQ von weit über 350 hat und das vermutlich auch noch richtig sein soll. Und sollte ein Mathemathikprofessor von Harvard was anderes behaupten, dann hat der Prof einfach keine Ahnung?

Hallo?

Nicht alles ist schlecht!

Sicherlich werden auf Youtube und anderen Plattformen auch Angebote von wirklichen Professoren angeboten. Das diese Inhalte zu 99,9 % richtig sind, davon gehe ich aus. Aber welcher User weiß denn schon, ob der Video-Blogger wirklich Ahnung hat? Aufgrund eines Profils, welches x-beliebig selbst geschrieben werden kann? Aufgrund eines hochgeladenen Dissertationszeugnisses im JPG-Format?

Gut, wenn ich jetzt eingeschriebener Student an der Uni Köln bin und mein Prof erklärt in der Vorlesung, er habe das in der Vorlesung behandelte Thema in einem Youtube-Video näher erläutert, ein Tutorial oder sogar ein Online-Praktikum erarbeitet, dann kann ich als Student davon ausgehen, dass die Inhalte auch von ihm sind und damit auch einen recht realistischen Wahrheitsgehalt haben. Aber ein Nicht-Student, ein Gärtner aus Hamburg, weiß das nicht, zumindest sollte er wissen, dass er skeptisch sein sollte.

Apps

Der „ct“-Artikel beschreibt noch einen weiteren Trend im Mikrolernen: Apps!

Ich möchte hier einen kurzen Absatz des Artikels zitieren:

In der Kategorie „Bildung“ in Apples App Store dominieren Trainingsprogramme mit diesem Konzept, zum Beispiel für Sprachen, für den Führerschein oder Mathematik, andererseits Nachschlagewerke von der Astronomie-App über den Geschichtskalender bis zu „Sex Fakten“: Lauter Programme, die das Lernen in Häppchen aufteilen, die zwischendurch in bekömmlicher Dosierung konsumiert werden können.

Lernen in bekömmlicher Dosierung? Was ist eine bekömmliche Dosierung? Eine Dosierung, durch die der Lernende gerade so viel lernt, dass das Wissen den Medien, der Presse, den Softwareherstellern und der Politik nicht schadet. Wer portioniert das Wissen denn? Nicht der User. Nein, der Hersteller erledigt das für den User. Warum? Weil die Gesellschaft das so will.

Weiter schreibt „ct“, dass es der „wichtigste Schlüssel für informelle Wissensangebote“ sei, dass heutzutage jeder der technisch etwas begabt ist, im Internet Inhalte produzieren und im Netz veröffentlichen kann. Die Betonung liegt hier auf „informelle Wissensangebote„.

Mach dir deine eigene Uni

Nun scheint es sogar eine Internet-„Eigenbau-Uni“ zu geben. Es nennt sich P2PU – Peer to Peer University. Jeder kann kostenlos an Kursen teilnehmen, Kurse anbieten und zwar inhaltlich unkontrolliert, ggf. wie bei Wikipedia durch andere User als ‚Richtig‘ eingestuft.

Im Gegenzug gibt es die, meiner Meinung nach sinnvollerer, Alternative: MOOCs. Das sind sogenannte Massive Open Online Courses, sprich Online-Kurse mit offenem Zugang und Teilnehmerzahlen im Bereich von bis zu 10.000 Studierenden. MOOCs werden derzeit von Hochschulen und Universitäten vor allem in den USA eingeführt Das ermöglicht eine Hochschullehre, welche zu bezahlbaren Konditionen über das Internet angeboten werden kann – kostenfrei wäre sinnvoller, aber bezahlbar ist ja ein Anfang!

Die Goethe-Universität Frankfurt startete wohl ein solches Projekt, welches 900 Studierende anzog.

Bei MOOCs weiß der User dann aber auch, dass die Quelle der Inhalte zumindest aus dem wissenschaftlichen Bereich kommt. Eine Differenzierung und eine Auseinandersetzung mit den Inhalten bleibt dem User dennoch nicht erspart. Gut so!

Fazit:

Es gibt unzählige Online-Wissens- und Lern-Angebote und auch Informationsseiten, Hilfsforen, sowie Angebote, welche mit ihrem Allwissen werben, wie Google und Wikipedia.

Ich wage mich zu behaupten, dass von allen Informationen, die im Internet frei verfügbar und von jedermann erstellt werden können, zwischen 50% und 70% nicht der Wahrheit entspricht.

Man muss also, um im Internet, Lern- und Wissensangebote sinnvoll nutzen zu können, Lernen lernen. Hört sich spießig an, ist es vielleicht auch. Aber wichtig, und hier wage ich eine weitere Behauptung, sogar (Über-)Lebenswichtig. Wer nach digitalen Vorlesungen schreit und Informationen in digitaler Form erhalten möchte, muss diese auch lesen, interpretieren und differenzieren können. Und eben das lernen wir derzeit noch nicht in unseren Schulen oder Hochschulen, das müssen wir uns selbst beibringen. Wie? Wir müssen unseren gesunden Menschenverstand und unsere Intelligenz benutzen und logisch denken.

Sobald wir ein Problem entdeckt und via Web gelöst haben, gilt es, das Gehirn kurz mal anzuwerfen und sich selbst kurz mal zu fragen: „Kann das überhaupt sein? Macht das Sinn? Widerspricht sich die Information?

Ich persönlich stelle bei Gesprächen mit vielen Leuten fest, dass sehr viele Leute nicht differenzieren und das auch gar nicht können und damit u.a. ‚Nachrichten‘ von „Taff“ als wertvoll ansehen.

Ich appelliere: Bitte nehmen Sie nicht alle Informationen wie von Gott gegeben hin und nur weil MatheProf03458 in seinem Video behauptet es sei richtig, es auch genau so anzuwenden. Lesen Sie nicht nur eine Literatur, nehmen Sie mehrere, nutzen Sie dazu gerne auch das Internet, aber bitte vergleichen Sie die Inhalte der jeweiligen Literatur und prüfen Sie diese auf Plausibilität.

Quellen: Aachener Zeitung, ct

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